Ethik und Kultur: Lebensformen – Identitäten – Differenzen
Leitung:
Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn
Kultur und Ethik
Der lateinische Sprachgebrauch bezeichnet mit cultura die agrarische Tätigkeit und ihre Voraussetzung: den Ackerboden. Die cultura animi (Cicero) ist damit die „Beackerung des Geistes“ (Negt), eine Tätigkeit und ein Prozess.
In der Aufklärung verliert cultura ihren Genitiv und wird zum eigenständigen Kulturbegriff im modernen Sinn. Zu der moralisch-ergologischen Bedeutung der ‚Kultivierung’ kommt die soziale (Kultur als gemeinsam erarbeitetes Würdegefühl einer Gemeinschaft. Samuel von Pufendorf) und die historische (Kultur als Blüte eines Volkes. Herder). Vertragstheoretische Fixierungen des Gegensatzes von ‚Kultur’ und ‚Natur’ (und damit auch von ‚Zivilisation’ und ‚Nicht-Zivilisation’) lassen ‚Kultur’ zu einem eigenen Handlungs- und Objektbereich werden. Zugleich werden historische und regionale Vergleiche zwischen Menschen und menschlichen Lebensformen, die zwar anders, aber nichtsdestotrotz menschlich sind, erstmals in allgemeiner Weise möglich und nötig.
So entsteht der moderne Kulturbegriff aus Kultur-Kontakt; vor dem Kultur-Kontakt weiß ‚Kultur’ nicht, dass sie Kultur ist, denn erst aus der Erfahrung des Anderen wird auf die Erfahrung des Eigenen geschlossen. So ist es der moderne Kulturbegriff, der Wissen um die Kontingenz aller Lebensformen in die moderne Gesellschaft einführt. Diese Einführung geschieht aber nicht offen, sondern verdeckt, denn was der Kulturbegriff zunächst betont, ist nicht Kontingenz, sondern Identität, Homogenität und Authentizität.
Je deutlicher der moderne Kulturbegriff zum Vergleich zwischen Kulturen wird, desto normativer wird er. „Kultur“ in diesem traditionellen Sinn umfasst ein normatives System von Lebensformen und Verhaltensweisen, die der Kultur angemessen sind, die Kultur ‚erblühen’ lassen.
„Kultur“ ist damit immer verbunden mit einer Kultur-Moral: Einer bestimmten Kultur werden bestimmte moralische Prinzipien zu- oder abgesprochen, und von den Menschen, die einer bestimmten Kultur zugerechnet werden, werden bestimmte Handlungsweisen eingefordert. Im Gewand deskriptiv erscheinender Stereotypen – Fleiß und Pünktlichkeit oder Emotionalität und Spontaneität – wird auf der normativen Ebene ein kulturmoralisches Lernprogramm geschrieben, dessen Inhalte sich unterscheiden, je nachdem, ob sie Teil einer Zuschreibung von außen oder Teil einer Selbstdefinition sind. Begriffe wie ‚Nationalcharakter’ und ‚Leitkultur’ beziehen sich in impliziter, nicht-diskursiver Weise auf ein vorausgesetztes Moralsystem.
Eine solche ‚Kulturmoral’ hat in Zeiten der Verunsicherung stabilisierenden und identitätsbildenden Charakter; darin liegt auch ihre Problematik, denn als genuine Möglichkeit der Identitätsbildung erscheint hier die Abgrenzung. Auf diese verdeckte Performanz bezieht sich der Diskurs, der den Kulturbegriff vehement kritisiert: statt Kritik und Bewusstsein von Kontingenz vermittele der Kulturbegriff nur die Emphase für sich selbst (Luhmann). Im Kulturbegriff wird damit eine inhärente Mentalität von Kolonialisierung entdeckt: Alle Begriffe, so Derrida, die wir zur Beschreibung eigener oder fremder Kulturen verwenden, stellen letztlich dominante Werte (zivilisiert; gläubig) inferioren Werten gegenüber (unzivilisiert; ungläubig) und sind damit von Machtstrukturen und Gewalt infiziert.
Diese Kritik zielt auf eine Neufassung und eine neue Situierung des Kulturbegriffs in den Wissenschaften und in der Praxis von ‚Kultur’. Der Begriff erschein nun im Plural und bekommt damit zwei Ebenen: Auf der einen Ebene kann Kultur im Sinne der Frankfurter Schule beschrieben werden als das „jeweilige Ganze des gesellschaftlichen Lebens” (Marcuse) und damit als ein Vermittlungsbegriff von Individuum und Gesellschaft. Auf einer anderen Ebene aber ist Kultur schon von seiner Wurzel her ein Vergleichsbegriff; Kultur ist die mitlaufende Beobachtung, die unter den Bedingungen des Pluralismus zu jedem Wert auch den Gegenwert bereithält. Kultur also ist einerseits Vollzug und andererseits reflexiver Vergleich sozialen Lebens. Kultur ist ein System von Symbolen und Bedeutungen und gleichzeitig die Praxis der Menschen, die innerhalb dieses Systems leben, es aufrechterhalten und verändern.
Mit der Veränderung des Verständnisses von Kultur hin zu einem Begriff, der sowohl den Vollzug als auch den reflexiven Vergleich sozialen Lebens umfasst, wird seine implizite oder explizite normative Bedeutungsebene schwächer, die, häufig vorreflexiv, Wertvorstellungen produzierte und prägte. Erst dieses Schwächerwerden des normativen Begriffsfelds erlaubt die Herausbildung einer Kulturethik im spezifischen Sinn.
Kulturethik
im allgemeinen Sinn ist ein Bereich der Ethik in den Wissenschaften; er betrifft diejenigen Wissenschaften, die sich mit Fragen von ‚Kultur’ befassen: den Fragen kultureller Selbstrepräsentation und Selbstreproduktion (Medien, Kunst, Religionen, Geschlechterverhältnisse, Minoritätenkulturen etc.) und den Fragen der Kulturbegegnung und der Kulturkonflikte (mit der Aufgabe der Entwicklung einer postkolonialen Hermeneutik). Kulturethik betrifft dann Fragen kultureller Selbstrepräsentation und Selbstreproduktion (Medien, Kunst, Religionen, Geschlechterverhältnisse, Minoritätenkulturen etc.) und Fragen der Kulturbegegnung und der Kulturkonflikte (mit der Aufgabe der Entwicklung einer postkolonialen Hermeneutik).
Ethik kann damit nicht als der Kultur und der in Kultur aufscheinenden Moralität erkenntnistheoretisch vorausgehend betrachtet werden; sie wird als Kulturethik vielmehr am normativen Zugang einer Kultur zu sich selbst arbeiten und in diesem Sinn ‚Kultur’ befähigen, in kulturelle Dialoge einzutreten und kulturelle Konflikte zu bearbeiten.
Der Arbeitsbereich Ethik und Kultur soll zum einen den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fokus des Ethikzentrums schärfen, indem die Wissenschaften, die einen „cultural turn“ vollzogen haben, mit ihren impliziten und expliziten ethischen Fragestellungen und in ihrer ethischen Kompetenz analysiert werden. Zum anderen – und vor allem – sollen die Probleme, die gesellschaftlich und politisch als kulturell geprägte Zukunftsprobleme erscheinen, ethisch aufgearbeitet werden.
Kontakt
Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn
Universität Tübingen
Internationales Zentrum für
Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
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72074 Tübingen
regina.ammicht-quinn[at]uni-tuebingen.de
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